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Formative UX

Warum Produkte im KI-Zeitalter Verhalten gestalten – nicht nur Interfaces

Kategorie: Beratung, Gedanken & Gespräche

Formative UX beschreibt einen Ansatz, bei dem UX Design und UX Concepting das Verhalten und die Denkprozesse von Nutzern aktiv mitgestaltet, statt Interfaces im Nachhinein auf vorhandenes Verhalten zu optimieren.

Den Begriff habe ich auf der Woche der Marktforschung das erste Mal verwendet, weil mich eine Beobachtung umtreibt: Generative KI verändert gerade, wie Menschen Informationen aufnehmen, abwägen und Verantwortung abgeben. Und dieser Wandel passiert schneller, als die meisten Produktteams nachkommen. Wer UX dann immer noch als reine Interface-Arbeit begreift, baut auf einem Nutzerbild, das schon heute nicht mehr stimmt.

Für Product Owner und UX Professionals, die über Budgets entscheiden, ist das keine Theoriedebatte. Es geht um Geld, das in Roadmaps, Features und Studien fließt. Und das auf Basis von Annahmen, die sich gerade unter der Hand verändern. UX ist schon immer wichtig gewesen für Umsatzsteigerung, Wettbewerbsdifferenzierung und Neukundengewinnung. Aber jetzt wird das nochmal wichtiger, weil sich der technologische Kontext gravierend ändert.

Was wir mit „formativer UX“ meinen.

Falls Ihnen der Begriff „Formative UX“ bisher nichts sagt: Er ist neu und fasst eine Entwicklung zusammen, die sonst unter vielen verschiedenen Stichworten läuft. KI in der UX. Automation Bias im Design. AI-gestützte Entscheidungsarchitektur. Human-in-the-Loop. UX Research im KI-Zeitalter. Sowas eben. Das sind alles Ausschnitte desselben Bildes. Formative UX bündelt sie zu einer Haltung: Produkte formen Verhalten ohnehin und die einzige offene Frage ist, ob das mit Absicht passiert oder versehentlich. Wer also gerade nach „Wie verändert KI UX Research?“ oder „Designverantwortung bei Automatisierung“ gesucht hat, ist hier genau richtig.

Das Problem: Klassische UX optimiert auf wackeligem Boden

Klassische UX läuft in einem eingespielten Drei-Schritt ab. Beobachten, verstehen, optimieren. Man sieht zu, wie Leute ein Produkt benutzen, erkennt Muster und verbessert das Interface entsprechend. Solange sich das beobachtete Verhalten nicht groß ändert, funktioniert dieser Kreislauf hervorragend. Das haben wir jetzt ein paar Jahre lang (zwischen 2015 und 2025) so gemacht.

Im KI-Zeitalter ändert es sich aber gravierend.

klassische_UX-Kreislauf

Abb. 1: Der klassische UX-Kreislauf – Beobachten, Verstehen, Optimieren.

Wenn KI verändert, wie Menschen recherchieren und entscheiden, dann optimiert ein Team auf Verhalten, das es in dieser Form bald nicht mehr gibt. Daraus wird ein blinder Fleck: Die Datengrundlage veraltet schneller, als der Optimierungszyklus neue Insights liefern kann. Am Ende löst man immer eleganter ein Problem von gestern.

Fünf mentale Modelle, die das Nutzerverhalten verschieben

Ich arbeite mit fünf psychologischen Effekten, an denen sich ablesen lässt, warum Verhalten im Umgang mit KI kippt. Zusammen ergeben sie eine Art Diagnoseraster. Sicher interessant für jedes Entscheidungs-Meeting in der nahen Zukunft!

Automation Bias ist der Hang, den Vorschlägen einer Maschine mehr zu vertrauen als dem eigenen Urteil – auch dann, wenn die Maschine danebenliegt. Den Effekt kennt die Forschung zur Mensch-Automation-Interaktion schon seit den 1990ern (aus der Luftfahrt ursprünglich). KI verschärft ihn, einfach weil ihre Vorschläge heute überzeugender und menschlicher klingen und überall auftauchen.

Skill Atrophy beschreibt, wie Fähigkeiten verkümmern, die man an ein System abgibt. Wer nicht mehr selbst navigiert, verliert mit der Zeit das Ortsgefühl. Wer nicht mehr selbst formuliert, das Sprachgefühl.

Borrowed Cognition meint, dass Nutzer Denk- und Formulierungsarbeit von der KI übernehmen, ohne sie noch als fremd zu erkennen. Das Ergebnis fühlt sich an wie der eigene Gedanke, ist aber geliehen. Das sollte ein ordentliches Stirnrunzeln erzeugen für Meinungsforschende.

The Shallows Effect steht für die Verflachung von Aufmerksamkeit, wenn alles schon vorgekaut bereitliegt. Der Name geht auf Nicholas Carrs Buch „The Shallows“ von 2010 zurück (Pulitzer-Finalist 2011), die Erweiterung seines Atlantic-Essays „Is Google Making Us Stupid?“. Carrs zentrale Beobachtung: Das Internet verleitet zum schnellen, abgelenkten Abgrasen kleiner Informationshäppchen und schwächt die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und zu vertiefen. Generative KI hebt das auf ein neues Level.

The Illusion of Control schließlich ist der Glaube, selbst entschieden zu haben, während das System den Entscheidungsraum längst zurechtgelegt hat.

Für Entscheider liegt die eigentliche Pointe darin, dass diese Effekte nicht beim Nutzererlebnis aufhören. Sie untergraben die Verlässlichkeit jeder verhaltensbasierten Annahme, auf der ein Produkt-Investment steht.

Was Formative UX ausmacht: Vom Verstehen zum aktiven Gestalten.

Auf Basis dieser Erkenntnisse ändert sich die Rolle von UX-Design. Wenn ein Produkt ohnehin mitbestimmt, wie Menschen denken und entscheiden, reicht die alte Leitfrage „Wie machen wir es dem Nutzer leicht?“ nicht mehr. Es kommt eine zweite dazu, unbequemere: „Was soll der Nutzer eigentlich noch selbst denken?“. Und Nicht-Entscheiden und ignorieren kostet Geld.

Damit wird Gestaltung zur Macht- und Verantwortungsfrage. Jede Entscheidung (eine Funktion zu automatisieren, eine Erinnerung abzunehmen, eine Auswahl vorzustrukturieren, …) formt das Verhalten und die Denkgewohnheiten der Leute, die das Produkt nutzen. Formatives Design greift dafür zu ganz konkreten Hebeln: Entscheidungen abnehmen, Erinnerungsleistung übernehmen, Freiheit suggerieren, hyperpersonalisieren, Dialog statt Klick anbieten, rund um die Uhr verfügbar sein.

Wie weit ein Team auf diesem Weg ist, lässt sich an drei Reifegraden ablesen.

UX-Reifegradmodell

Abb. 2: Das UX-Reifegradmodell – reaktiv, adaptiv, formativ.

Auf der reaktiven Stufe behebt man, was an Problemen gemeldet wird. Adaptiv heißt, das Produkt passt sich beobachtetem Verhalten an – der klassische Optimierungskreislauf eben. Und formativ wird es dort, wo ein Team anerkennt, dass sein Produkt Verhalten sowieso formt, und bewusst Verantwortung dafür übernimmt, in welche Richtung.

Das Entscheidungsraster: vier Quadranten zwischen Nutzer und System

Wer formativ arbeitet, braucht eine Sprache dafür, wie viel Kontrolle beim Menschen bleibt und wie viel ans System geht. Ich nutze dafür zwei Achsen: Wer entscheidet und wer dominiert in der Interaktion?

vier Quadranten Empowerment, Augmented, Informed und Blind Automation

Abb. 3: Das Entscheidungsraster mit den vier Quadranten Empowerment, Augmented, Informed und Blind Automation.

Im Empowerment-Quadranten stärkt das System die Entscheidungsfähigkeit des Nutzers, ohne ihm die Entscheidung wegzunehmen. Bei Augmented entscheiden Mensch und System zusammen, das System erweitert den Spielraum. Informed lässt den Nutzer am Steuer und liefert ihm nur die Grundlagen. Und in der Blind Automation entscheidet und dominiert das System, während der Nutzer den Überblick verloren hat.

Der riskante Quadrant ist die Blind Automation. Maximale Bequemlichkeit, maximale Abgabe von Kontrolle und damit der Ort, an dem Automation Bias und Kontroll-Illusion am stärksten ziehen. Das Raster zwingt UX Professionals, Entwickler und Strategen dazu, sich für jede KI-Funktion bewusst zu entscheiden, wohin es den Nutzer eigentlich schiebt. Und ich möchte noch einmal betonen: Keine Entscheidung ist keine Option.

Ein typisches Muster aus der Beratungspraxis

Wie leicht man unbemerkt im falschen Quadranten landet, zeigt ein Muster, das in UX-Projekten immer wieder auftaucht: Ein Team bringt eine KI-Empfehlungsfunktion an den Start, die dem Nutzer Arbeit abnimmt. Die Tests laufen blendend, die Zufriedenheitswerte klettern, alle sind zufrieden. Erst Monate später fällt in den Nutzungsdaten auf, dass viele die Vorschläge ungeprüft durchwinken, auch dort, wo sie gar nicht passen. Was als Empowerment gedacht war, ist in der Praxis zu Blind Automation geworden. Im Test war das nicht zu sehen, weil sich der Effekt erst über die Zeit und erst im Fehlerfall zeigt. Genau da setzt formatives Vorgehen an. Es fragt nicht nur, ob etwas gut ankommt, sondern welches Verhalten es auf Dauer einübt. Das ist ein Moving Target und eine neue Herausforderung für UX Professionals.

Was sich für UX Research ändert – heute und morgen

Am härtesten trifft es die Research-Methodik selbst. Wenn Nutzende ihre Denkarbeit bei der KI ausleihen, werden Selbstauskünfte unzuverlässig, weil die Leute oft gar nicht mehr sagen können, welcher Gedanke ihr eigener war. Der Automation Bias wirkt schon in der Befragungssituation. Und die Kluft zwischen gefühlter und tatsächlicher Kontrolle macht klassische Zufriedenheitsabfragen trügerisch: Da berichtet jemand von Kontrolle, die er objektiv nie hatte.

Die alten Selbstauskunfts-Klassiker „Warum haben Sie das gemacht?“, „Wie zufrieden waren Sie?“ verlieren damit an Aussagekraft. Drei Ansätze rücken stattdessen nach vorn.

Die Begründungsprobe fragt nicht, ob jemand zufrieden war, sondern lässt ihn die Entscheidung begründen. So lässt sich echtes Denken von geliehenem trennen. Failure Mode Interviews gehen gezielt in die Momente, in denen das System versagt (diese Momente provizieren wir sogar!) und der Nutzer wieder selbst ran muss. Dort zeigt sich, wie abhängig er wirklich geworden ist. Und Langzeitstudien rücken in den Fokus, weil Skill Atrophy und Verhaltensdrift sich erst über Zeit zeigen. Eine Momentaufnahme verpasst genau den Effekt, der das Investment gefährdet.

Was das für Entscheider mit Budgetverantwortung heißt

Für Product Owner und UX-Verantwortliche mit Budget-Hoheit lässt sich das Ganze auf eine unbequeme Diagnose eindampfen. Das größte Risiko ist nicht das schlechte Interface. Es ist das überholte Nutzerbild, auf dem teure Entscheidungen aufsetzen.

Daraus folgt dreierlei für die Steuerung. Research-Budget, das komplett in punktuelle Usability-Tests fließt, wird zum Risiko, weil es die zeitliche Dimension der Verhaltensverschiebung schlicht ausblendet. Langzeit- und Failure-Mode-Formate gehören in Zukunft mit eingeplant. Jede KI-Funktion sollte bewusst im Vier-Quadranten-Raster verortet werden, denn die Frage „Was übernimmt das System, was bleibt beim Nutzer?“ ist eine Produkt- und am Ende auch eine Haftungsfrage, kein Designdetail. Und der eigene UX-Reifegrad ist eine strategische Kennzahl für sich: Wer reaktiv bleibt, optimiert verlässlich an der Realität vorbei.

FAQ

Was ist Formative UX?

Ein UX-Ansatz, bei dem Produkte das Verhalten und die Denkprozesse von Nutzern bewusst mitgestalten, statt Interfaces nur im Nachhinein auf vorhandenes Verhalten zu optimieren. Geprägt wurde der Begriff von Till Winkler (SKOPOS NOVA).

Worin unterscheidet sich Formative UX von klassischer UX?

Klassische UX beobachtet, versteht und optimiert vorhandenes Verhalten. Formative UX geht davon aus, dass Produkte Verhalten ohnehin formen, und übernimmt Verantwortung dafür, welche Denk- und Entscheidungsprozesse sie fördern oder verdrängen.

Was ist das UX-Reifegradmodell?

Drei Stufen der UX-Reife: reaktiv (gemeldete Probleme beheben), adaptiv (sich an beobachtetes Verhalten anpassen) und formativ (Verhalten bewusst mitgestalten).

Warum werden Nutzer-Selbstauskünfte durch KI unzuverlässiger?

Weil Nutzer über „Borrowed Cognition“ Denkarbeit von der KI übernehmen, ohne sie als fremd zu erkennen. Eigene und geliehene Gedanken lassen sich dann kaum noch trennen, was klassische Befragungen schwächt.

Welche Research-Methoden eignen sich im KI-Zeitalter?

Begründungsproben, Failure Mode Interviews und Langzeitstudien – sie trennen geliehenes von echtem Denken und machen Verhaltensänderungen über die Zeit sichtbar.

Der Vortrag „Formative UX“ ist im Rahmen der Woche der Marktforschung entstanden. Das vollständige Webinar gibt es hier. 

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Till Winkler
Till Winkler
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